Finde heraus, welcher Segeltörn zu dir passt

by Olivia Soland | Dez. 15, 2025 | WindSeiten | 0 comments

Wer eine Segelreise plant, verliert sich schnell in Vergleichen: Welches Segelrevier hat die besten Bedingungen? Wo scheint die Sonne am zuverlässigsten? Wo ist es entspannt, wo anspruchsvoll, wo abwechslungsreich?
Es gibt eine einfachere Art, die richtige Segelreise zu finden. Eine persönlichere.

André lebt an Bord, zwischen Wind und Wellen, in stillen Buchten, in denen andere während eines zweiwöchigen Törns vielleicht für einen kurzen Schwumm ankern – und gleich wieder weiterziehen. Er aber bleibt. Zwei Wochen, manchmal länger. „Das Schönste ist, dass ich einfach bleiben kann“, sagt er. Ohne Termindruck, ohne Stress – einfach dort sein, wo es gerade stimmt.  

Wir wollten wissen: Wie macht man das? Wie kommt man vom Träumen ins Tun, was braucht es an Vorbereitung, und was lernt man erst unterwegs? Ein Gespräch über Freiheit, Windstärken und den Mut, loszusegeln.  

Das wichtigste in Kürze:
⛵ André Peter aus Rheineck lebt monatelang auf seiner eigenen Segelyacht.
Vor drei Jahren kaufte er mit seiner Partnerin Anna ein Boot in Kroatien.
🌍 Ihre Reisen führten sie bereits von Europa über den Atlantik bis in die Karibik – und zurück.
🧭 Die beiden navigieren flexibel – je nach Wind, Wetter und Laune.
🌊 Trotz engem Raum ist das Bordleben für sie Freiheit pur – und eine ständige Lektion in Gelassenheit.

SP: André, für alle, die dich noch nicht kennen – wer bist du in drei Sätzen?
André: Ich bin ein neugieriger, abenteuerlustiger und spassiger Typ. Die Natur und andere Kulturen sind meine Leidenschaft. Ich liebe es, fernab der „modernen Zivilisation“ zu sein, wo schon der Lebensmittelladen ein Abenteuer ist – kann aber auch mal einen eher luxuriösen Ort wie Ibiza geniessen.

SP: Kannst du dich noch erinnern, wann und wie du das erste Mal mit dem Segeln in Berührung gekommen bist?
André: Das war 2013 auf meiner ersten Weltreise. Ich war schon mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach China gereist und hatte einen grossen Teil Südostasiens erkundet. Ich wollte weiter in die Karibik – am liebsten ohne Flugzeug. Andere Reisende erzählten mir vom Frachtsegler Tres Hombres, einem Segelschiff ohne Motor, das jährlich Güter aus der Karibik nach Europa bringt, um auf die Umweltbelastung durch Frachtschiffe aufmerksam zu machen.

Man kann gegen Bezahlung als Crewmitglied mitfahren und ist voll in den Bordalltag eingebunden. Ich reiste erst nach Kuba und stieg dann in der Dominikanischen Republik zu. Geplant war die Route über Bermuda, die Azoren bis England.

Schon nach kurzer Zeit war ich infiziert – dieses Freiheitsgefühl, nur mit Wind, Arbeit und Willenskraft überall hinsegeln zu können, ohne dem Planeten zu schaden, hat mich gepackt. Während der zwei Monate an Bord wuchs in mir der Traum, eines Tages selbst mit einem eigenen Schiff in See zu stechen.

Für mich ist Segeln pure Freiheit.

SP: Und wie ging’s dann weiter: Was hat dich über die Jahre so sehr am Segeln fasziniert, dass du heute mehrere Monate im Jahr auf einer Yacht lebst?
André: Für mich ist Segeln pure Freiheit. Ich liebe es, wenn sich die Segel füllen, das Boot Fahrt aufnimmt und wir an einen neuen Ort gelangen. Dann fällt der Anker in einer Bucht, die man sonst nur zu Fuss oder gar nicht erreichen würde. Dort, inmitten unberührter Natur, vielleicht mit Delfinen oder Schildkröten im Wasser – und Anna bei mir im Arm –, kann ich mir keinen besseren Moment vorstellen.

Der Traum war schon lange da, aber man wartet immer auf den „richtigen“ Moment – mehr Geld, mehr Sicherheit, mehr Erfahrung.

SP: Gab es diesen einen Moment, in dem du für dich beschlossen hast: Ich mach das jetzt. Ich segle los?
André: Der Traum war schon lange da, aber man wartet immer auf den „richtigen“ Moment – mehr Geld, mehr Sicherheit, mehr Erfahrung. Während der Coronazeit war ich beruflich als Servicetechniker weltweit unterwegs. Ich durfte trotz Einschränkungen reisen, aber ausser Hotels und Fabriken sah ich wenig – weit weg von Zuhause und meinen Liebsten. Diese Phase gab mir den letzten Schubser. Ich begann konkret nach einem Schiff für die grosse Reise zu suchen.

SP: War das spontan oder hat sich das über Jahre aufgebaut? Und war dir damals die Route schon klar, oder wolltest du dich einfach treiben lassen?
André: Der Traum entstand 2013. Danach habe ich mich kontinuierlich vorbereitet: Segelscheine gemacht, Bücher gelesen, Erfahrung gesammelt, Geld gespart. Die Route war anfangs nur vage – ich wusste, es soll über den Atlantik in die Karibik gehen, irgendwann vielleicht in den Pazifik. Die Weltumsegelung war ein Wunsch, aber kein festes Ziel.

Das eigene Boot

Ich wollte ein gemütliches, sicheres Schiff – keine Rennziege.

SP: Wie ging’s dann weiter, als die Entscheidung gefallen war?
André: Ich suchte intensiv nach passenden Schiffen. Online wird man regelrecht erschlagen von Angeboten – man muss sich klar werden, was einem wichtig ist. Das Budget spielt natürlich auch eine Rolle. Ich besichtigte Schiffe in Kroatien, teils mit meinen Eltern und Anna. Am Ende fanden GO WITH THE FLOW und ich zueinander.

SP: Wie bist du zu eurem Boot gekommen, und was war dir bei der Wahl besonders wichtig?
André: Es ist eine Beneteau Cyclades 43, Baujahr 2005. Der Name GO WITH THE FLOW war bereits vergeben – und ich fand ihn so passend, dass ich ihn beibehalten habe.

Wichtig war mir: Stabilität, einfache Handhabung (auch allein), keine Teakdecks (Brandblasen bei 30 Grad!), Stehhöhe unter Deck, Platz im Cockpit mit gutem Tisch. Ich wollte ein gemütliches, sicheres Schiff – keine Rennziege.

SP: Gab es Überraschungen – vielleicht auch Dinge, bei denen du im Nachhinein sagst: Das würde ich heute anders machen?
André: Ich machte mir anfangs zu viele Sorgen – und kaufte viele überflüssige Ersatzteile, die nur Platz wegnehmen. Auch die Hafengebühren, vor allem im Mittelmeer, habe ich unterschätzt – die sind oft der grösste Budgetposten.

Tipps für angehende Langfahrtsegler:innen

SP: Du lebst mehrere Monate im Jahr auf deinem Boot – für viele ein Traum. Gibt es aus deiner Sicht Wege, wie man sich eine solche Reise einfacher ermöglichen kann – vielleicht auch mit kleinen Schritten?
André: Klar. Viele Langfahrtboote suchen Crewmitglieder – so kann man mitreisen, ohne eigenes Schiff. Aber für mich kam das nicht infrage. Ich wollte mein eigenes Schiff, meine Route, meine Freiheit.

Die Fahrt von Kroatien nach Gibraltar war ideal zum Üben.

SP: Wenn du auf deine Anfänge zurückblickst – welchen Ratschlag hättest du dir selbst gewünscht?
André: Ich bin zu hektisch von Bucht zu Bucht gehetzt. Heute sage ich: Weniger ist mehr. Zeit lassen. Geniessen.

SP: Was sollte man deiner Erfahrung nach unbedingt können – seglerisch, technisch oder mental?
André: Wichtig ist Selbsteinschätzung: Wissen, was man kann – und was nicht. Seglerisch lernt man ständig dazu. Technisch hilft es, wenn man selbst Dinge reparieren kann. Ich habe viel aus Büchern gelernt. Mental braucht es Gelassenheit – Stresssituationen kommen garantiert.

SP: Wie hast du dich konkret auf die Atlantiküberquerung vorbereitet?
André: Die Fahrt von Kroatien nach Gibraltar war ideal zum Üben. Ich bunkerte Trinkwasser für zwei Monate, Vorräte an Essen und Diesel. Beim ersten Mal musste ich den Motor oft für Strom laufen lassen – heute habe ich genug Solar und einen Windgenerator. Ein zuverlässiger Autopilot ist Gold wert. Und mental: Die Verantwortung für meine zwei Mitsegler war gross – aber auch lehrreich.

Alltag an Bord

Einklarieren: Nervig, jedes Land anders – aber mit Ruhe und Respekt klappt’s.

SP: Wie sieht ein ganz normaler Tag bei dir an Bord aus?
André: Erst mal Kaffee und Zigarette – ohne geht nichts.
Bleiben wir in der Bucht: Wetter checken, frühstücken, baden, lesen, Land erkunden, kochen, Sonnenuntergang.
Segeltag: Frühstück, Schiff vorbereiten, lossegeln, lesen, Musik, Rätsel lösen – möglichst nicht zu spät ankommen.

SP: Wie plant ihr eure Routen?
André: Wir nutzen Predictwind und Navily für Buchteninfos. Das Wetter gibt oft den Ton an, aber wir planen nur grob. Anna braucht ruhige Ankerplätze – das ist uns wichtig.

SP: Welche Routinen helfen euch auf engem Raum?
André: Offene Kommunikation. Jeder macht, worauf er Lust hat. Anna malt, ich bastle. So hat jede:r Zeit für sich – das macht die gemeinsame Zeit umso schöner.

SP: Welche Herausforderungen werden oft unterschätzt?
André: Dinge schneller zu reparieren, als sie kaputtgehen – ohne nur noch zu schrauben.

SP: Wie organisiert ihr Dinge wie Essen, Wäsche, Visa, Sicherheit?
André: Essen: Meist kein Problem. Auch auf kleinen Inseln gibt’s was.
Wäsche: Waschsalons gibt’s fast überall.
Reparaturen: Am besten in Europa Ersatzteile besorgen. Google, andere Segler und No Foreign Land helfen weiter.
Einklarieren: Nervig, jedes Land anders – aber mit Ruhe und Respekt klappt’s.
Visa: Als Schweizer: meist visafrei. Noonsite.com ist eine super Infoquelle.
Versicherung: Mein Schiff ist in der Schweiz registriert. Ich habe Haftpflicht und Kasko bei Pantaenius.

Der schönste Ort an dem ich je geankert bin? Providencia – gehört zu Kolumbien, liegt aber bei Nicaragua. Intakte Riffe, herzliche Menschen, geschützte Ankerbucht. Ein Traum.

SP: Verrücktester Ort?
André: Antigua. Superyachten wie kleine Kreuzfahrtschiffe – im Kontrast zur lokalen Bevölkerung. Völlig surreal.

SP: Eine Begegnung, die dich besonders berührt hat?
André: Delfine sind immer magisch. Einmal haben wir sogar Orkas gesehen. Gleichzeitig sieht man leider auch viel Müll – mehr als Lebewesen. Das hat mich verändert.

SP: Was darf an Bord nie fehlen?
André: Kaffee. Und meine Sonnenbrille.

Wenn mein Boot sprechen könnte – würde es über mich sagen:
Wir sind ein gutes Team. Ich sorge für das Schiff – es bringt mich sicher ans Ziel.

SP: Hast du ein Ritual vor dem Ablegen?
André: Vor längeren Fahrten opfere ich etwas Whiskey oder Rum dem Meer – aus Dankbarkeit und zur Bitte für eine gute Überfahrt.

SP: Und ganz ehrlich: Gab es Momente, in denen du das Segeln verflucht hast?
André: Ja. In Italien, Adria. Kein Platz zum Ankern, Gewitter mit 60 Knoten, drei Meter hohe Wellen, Blitz und Donner – Horror. Nach drei Stunden endlich im Hafen. Erst mal ein Beruhigungsbier – die Scherben vom zerbrochenen Geschirr habe ich erst später weggeräumt.

Unser offizielles Schiffslied ist Go With The Flow von Queens of the Stone Age.

SP: Gibt es einen Song, der deine Reise beschreibt?
André: Unser offizielles Schiffslied ist Go With The Flow von Queens of the Stone Age.
Das Lied von Anna und mir: Sail Away von David Gray.

Wohin geht's als nächstes und wohin immer wieder?

SP: Was ist dein nächstes Ziel – geografisch oder persönlich?
André: Geografisch: Korsika, später Tunesien. Persönlich: Ein gemeinsames Leben mit Anna – wo auch immer.

SP: Gibt es einen Ort, zu dem du immer wieder zurückkehren möchtest?
André: Die Azoren. Landschaft, Leute – einfach beeindruckend.

SP: Was bedeutet für dich Freiheit – nach all diesen Meilen?
André: Seit dem Start etwa 22'000 Seemeilen, davon 18'000 mit GO WITH THE FLOW.
Freiheit heisst für mich: selbst entscheiden, wann ich was mache. Das Wetter setzt den Rahmen, aber sonst bin ich frei. Auch wenn Putzen dazugehört – ich bestimme, wann.

 

Danke André, dass du dir die Zeit für uns genommen hast!

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